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Digitalisierung in Unternehmen sollte Chefsache sein

  • vor 3 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Interview mit Silvano Gauch, LxBxH Gauch und Florian Mäurer, HK Verpackungen.


Digitalisierung entscheidet heute darüber, wie effizient, resilient und wettbewerbsfähig Unternehmen in der Wellpappenbranche aufgestellt sind. Doch was bedeutet es konkret, Digitalisierung zur Chefsache zu machen? Welche Rolle spielt die Geschäfts-führung strategisch, organisatorisch und kulturell dabei?

 

Wir haben mit zwei Entscheidungsträgern aus der Branche gesprochen, die bereits in unserem Arbeitskreis Digitalisierung ihren Status-quo und ihre Digitalisierungsinitiativen geteilt haben:


Silvano Gauch, Inhaber und Geschäftsführer von LxBxH Gauch
Silvano Gauch, Inhaber und Geschäftsführer von LxBxH Gauch

Florian Mäurer, IT-Verantwortlicher, Teil der Inhaberfamilie von HK Verpackungen
Florian Mäurer, IT-Verantwortlicher, Teil der Inhaberfamilie von HK Verpackungen

Im folgenden Interview berichten beide offen über ihren persönlichen Digitalisierungs-weg, messbare Erfolge, interne Widerstände und darüber, warum Cybersecurity längst zur unternehmerischen Kernverantwortung gehört.



Damit ist die IT eine geschäftskritische Infrastruktur und

gehört zwingend in die Verantwortung der obersten

Führungsebene.(Silvano Gauch)


Aus welchen Gründen hast Du entschieden, Digitalisierung in Deinem Unternehmen aktiv zur „Chefsache“ zu machen?

Silvano Gauch: Ohne IT läuft heute in unserem Unternehmen theoretisch nichts mehr: kein Auftrag kann entgegengenommen werden, kein Angebot erstellt werden, keine Verpackung produziert und ausgeliefert werden. Damit ist die IT eine geschäftskritische Infrastruktur und gehört zwingend in die Verantwortung der obersten Ebene! Für mich ist Digitalisierung allerdings kein Selbstzweck und auch kein Buzzword. Sie ist ein Werkzeug, um klar definierte Ziele zu erreichen: beispielsweise Fixkosten pro Auftrag zu senken, Kleinaufträge wirtschaftlich zu produzieren oder Prozesse effizienter zu gestalten.

 

Als Geschäftsführer ist es daher heute zwingend notwendig, sich fundierte Kenntnisse über Digitalisierung und Technologien anzueignen, auch ohne IT-Background. Man muss nicht selbst programmieren können, aber man muss dieses geschäftskritische Thema verstehen und strategisch steuern können.

 

Übrigens: Ein zentraler, häufig zu wenig beachteter Aspekt ist Cybersecurity. Digitalisierung und IT-Sicherheit sind untrennbar miteinander verbunden. Jeder Geschäftsführer sollte sich fragen: Wie lange kann mein Betrieb weiterlaufen, wenn die IT durch einen Cyberangriff lahmgelegt wird? Wir bei LxBxH Gauch wissen, dass unsere Systeme täglich angegriffen werden, wie vermutlich in jedem Unternehmen. Glücklicherweise hatten wir bisher keinen größeren Vorfall. Dennoch haben wir uns so aufgestellt, dass wir im Notfall unsere Kernprozesse (v.a. Produzieren und Auslieferung von Aufträgen) mehrere Tage auch ohne funktionierende IT aufrechterhalten können.


Florian Mäurer: Digitalisierung ist bei uns Chefsache, weil sie ein strategisches Thema ist, das alle Bereiche des Unternehmens betrifft und nur mit klarer Priorität und verbindlicher Umsetzung wirklich funktionieren kann.

 

Digitalisierung macht Wissen im Team verfügbar: Systeme unterstützen Mitarbeitende im Prozess, entlasten sie und sorgen gleichzeitig für Nachvollziehbarkeit. Das verbessert die Möglichkeit, fehlende Mitarbeitende zu vertreten, macht uns bei Personalmangel resilienter und reduziert das Risiko von Schlüsselpersonen. Gleichzeitig schafft die Digitalisierung Transparenz und Standardisierung: Entscheidungen werden nachvollziehbar, Prozesse messbar, und kontinuierliche Verbesserungen werden überhaupt erst systematisch möglich.


Digitalisierung ist bei uns Chefsache, weil sie ein strategisches

Thema ist, das alle Bereiche des Unternehmens betrifft und nur mit

klarer Priorität und verbindlicher Umsetzung wirklich funktionieren

kann.(Florian Mäurer)

Welche Rolle hast Du persönlich im Digitalisierungsprozess übernommen?


Silvano Gauch: Ich verantworte bei uns die Softwareentwicklung und die IT-Infrastruktur selbst. Dazu gehört auch die Risikoanalyse sowie die kontinuierliche Absicherung gegen Cyberangriffe.

Zukünftige Digitalisierungsziele, beispielsweise die Frage, ob und wie wir KI sinnvoll einsetzen können, werden von mir strategisch vorgedacht und definiert. Die konkrete Konzeption und Umsetzung erfolgt dann größtenteils in enger Zusammenarbeit mit spezialisierten externen Dienstleistern. Externe Partner unterstützen uns in allen relevanten Bereichen, unter anderem in der IT-Infrastruktur, der Weiterentwicklung unseres eigenen ERP-Systems sowie bei der 24/7-Cybersecurity-Überwachung. Die strategische Richtung bleibt jedoch klar in der Geschäftsführung verankert.


Florian Mäurer: Ich übernehme die Führungsrolle im Digitalisierungsprozess: Durch meine langjährige IT-Vergangenheit kenne ich viele Prozesse aus unterschiedlichen Branchen und treibe die fortlaufende Digitalisierung unserer Prozesse daher aktiv, sowohl auf strategischer als auch operativer Ebene voran. Ich nehme Anforderungen der Kollegen auf, entwickle passende Konzepte und setze sie um, gefolgt von gemeinsamen Tests und weiteren Optimierungen. Daraus hat sich über die Zeit ein umfassendes, eigenentwickeltes System ergeben, das an unser bestehendes ERP-System andockt. Es stellt beispielsweise Informationen auf mobilen Endgeräten direkt am Shopfloor bereit und hilft unsere Prozesse gezielt und schrittweise zu digitalisieren (siehe grobe Systemarchitektur im Screenshot). Dadurch können wir flexibel auf neue Anforderungen reagieren und das Tempo unserer Digitalisierung deutlich steigern.


Bist Du mit einer klaren Digitalisierungsstrategie gestartet oder haben sich Projekte nach und nach ergeben?


Silvano Gauch: Als ich vor 25 Jahren ins Unternehmen eingestiegen bin, wurden Computer im Wesentlichen als digitale Schreibmaschinen genutzt. Kalkulationen wurden per Hand mit Bleistift erstellt, E-Mails liefen über einen separaten Rechner, wurden ausgedruckt, beantwortet und anschließend wieder abgetippt.

Ich betreute vor meiner Zeit bei dem heutigen LxBxH Gauch Unternehmen im E-Commerce-Umfeld und hatte eine klare Vision: eine „Dotcom-Verpackungsfirma“. Mein Ziel war eine Website, die Preise für Faltkisten automatisch berechnet, ohne manuelles Zutun der Mitarbeiter. Also eine E-Commerce-Plattform für Wellpapp-Verpackungen inklusive Backend.

 

Ich bin diesen Weg Schritt für Schritt gegangen. Entscheidend war dabei ein iteratives Vorgehen: Wir haben jeweils den Prozess digitalisiert, bei dem die größte Arbeits- oder Kosteneinsparung zu erwarten war, angefangen bei der Produktkalkulation, dann Produktionsplanung und später auch Kundenakquisition. Der Vorteil dieses Vorgehens war, dass wir schnell Teilsysteme produktiv einsetzen konnten, die sofort messbare Einsparungen brachten. Das hat die Mitarbeiter überzeugt, weil sie den Nutzen direkt gesehen haben. Heute würde man dieses Vorgehen als „agile Entwicklung“ bezeichnen.

 

Mit der Zeit sind die einzelnen Module zu einem durchgängigen Gesamtsystem verschmolzen, das den gesamten Prozess von der Kundenanfrage bis zur Auslieferung abdeckt. Meine übergeordneten Ziele waren dabei immer klar: Zeit und Kosten sparen sowie Produkt- und Prozessqualität erhöhen. Die durchgängige, teilweise redundante, Datenverfügbarkeit reduziert Fehler und steigert die Prozesssicherheit erheblich.



Florian Mäurer: Wir haben uns bewusst entschieden, mit kleinen, überschaubaren Schritten zu starten, anstatt über lange Zeit eine aufwendige „allumfassende“ Strategie zu entwickeln. Unser Fokus lag zunächst auf einem klaren und realistischen Ziel: der Digitalisierung der Lagerhaltung. So konnten wir erste Erfahrungen sammeln und unsere Kolleginnen und Kollegen Schritt für Schritt an das neue System heranführen. Auf dieser Basis folgten weitere Bereiche und gezielte Optimierungen.

 

Große Pläne hingegen scheitern oft: Zu lange Vorbereitungsphasen kosten Motivation. Umfangreiche Prozesse, die komplett entwickelt und dann auf einmal eingeführt werden, überfordern die User. Zudem fehlt während einer starren Implementierung häufig das praxisnahe Feedback und das führt nicht selten zu Fehlentwicklungen und Fehlinvestitionen.


Welche messbaren Effekte konntet ihr durch die Digitalisierung bereits erzielen?

Silvano Gauch: Die Effekte sind erheblich. Wir haben die Anzahl der Aufträge in diesem Zeitraum um 160 % gesteigert und bewältigen dieses Volumen mit deutlich weniger Personal als früher. Die durchschnittliche Lieferzeit ab Produktionsstart konnten wir von 24 auf 10 Tage reduzieren.

Besonders deutlich wird der Fortschritt bei der Kalkulation individualisierter Verpackungen: Neue Kalkulationen erfolgen heute etwa zehnmal schneller als früher. Gleichzeitig ist weniger spezifisches Produktions-Know-how erforderlich, um eine fundierte Kalkulation zu erstellen. Das erhöht unsere Flexibilität und unsere Wettbewerbsfähigkeit spürbar.


Florian Mäurer: Im ersten Schritt entstand vor allem deutlich mehr Transparenz im Lager: Palettenpositionen sind nun jederzeit live abrufbar, Ware und Material lassen sich sofort lokalisieren. Auch Vertretungen funktionieren reibungslos, da Informationen ohne Rückfragen oder langes Suchen verfügbar sind.

Die Verladezeiten konnten spürbar reduziert werden, weil der Verlader jederzeit genau weiß, wo sich die Ware befindet. „Früher hat ein Verlader gut und gerne zehn Minuten gesucht – heute scannt er und fährt direkt zur entsprechenden Palette.“

Das steigert nicht nur die Effizienz im Lager erheblich, sondern schafft zugleich die Grundlage für weiteres Wachstum.


Gab es intern Vorbehalte oder Widerstände? Wie bist Du damit umgegangen?


Silvano Gauch: Die Widerstände waren in den vergangenen 24 Jahren enorm und sie existieren teilweise bis heute. Viele Mitarbeiter befürchteten, durch Computerprogramme ersetzt zu werden oder die Kontrolle über Preisgestaltung und Produktionsplanung zu verlieren.

 

Aus meiner Sicht darf ein Softwareprojekt deshalb nicht als „Rundumschlag“ umgesetzt werden, nach dem Motto: Alles neu, alles auf einmal. Das überfordert die Organisation. Stattdessen muss die Belegschaft auf dem Weg mitgenommen werden. Wir setzen bewusst auf kleine, kontinuierliche Schritte. Wenn Fehler auftreten, können Nutzer jederzeit den Fehler melden und auf das vorherige Release zurückspringen. Die Fehler werden dann meist unmittelbar behoben. Diese iterative Weiterentwicklung senkt die Hemmschwelle und erhöht die Akzeptanz.

 

Der Dialog mit den Mitarbeitenden ist entscheidend. Gleichzeitig darf Veränderungsresistenz der Mitarbeitenden nicht dazu führen, dass Fortschritt blockiert wird. Erfolgreich ist eine Mischung aus strategischer Führung durch die Geschäftsleitung und praxisnahen Impulsen aus der Belegschaft. Mitarbeitende mögen Routinen. Veränderungen kosten Energie. Deshalb muss Digitalisierung spürbar Erleichterung bringen, nicht zusätzliche Belastung.


Florian Mäurer: Klar gab es Vorbehalte: „Bis jetzt hat's auch immer klappt“, „Ich kenne mich mit dem Zeugs nicht aus“ – besonders bei älteren Kollegen ohne bisherige Technik-Nutzung. Ich habe trotzdem einfach gestartet: Kurze Einführung, schnelle Erfolge. Die Skepsis verflog rasch. Heute kommen Weiterentwicklungsvorschläge von den Kollegen selbst.


Was waren die wichtigsten Erfolgsfaktoren auf eurem Digitalisierungsweg?


Silvano Gauch: Zwei Faktoren waren für mich entscheidend:

  1. Klare Priorisierung der Digitalisierungsinitiativen nach Arbeitseinsparung. Wenn Mitarbeiter unmittelbar erleben, wie viel Zeit ihnen eine Lösung abnimmt, steigt die Akzeptanz automatisch.

  2. Der Grundsatz „Der ‚Automat‘ arbeitet für den Menschen, nicht umgekehrt.“

 

Digitale Lösungen dürfen keinen Kontrollverlust erzeugen. In unserer Organisation bestimmen die Mitarbeiter weiterhin zentrale Parameter wie Verkaufspreise, Auftragsreihenfolge oder Maschinenlaufzeiten. Die digitale Lösung setzt diese Vorgaben effizient um. Digitalisierung soll die Arbeit verbessern, nicht den Menschen zum Handlanger der digitalen Lösung bzw. Software machen. Dieses Prinzip war essenziell für die langfristige Akzeptanz.


Florian Mäurer:

  1.  „Kleiner Start“: Wir sind bewusst klein und einfach gestartet. Statt eines großen Projekts haben wir mit einem überschaubaren Pilot-Bereich im Lager begonnen. Das System konnte zusammen mit der Belegschaft wachsen, erste Erfolge haben sofort Akzeptanz geschaffen und Ängste vor dem Neuen genommen. Hätten wir uns anfangs übernommen, wäre die Motivation schnell verbraucht gewesen.

  2. Maximale Einfachheit: Maximale Intuition und Einfachheit in der Bedienung. Wir haben nur die Funktionen eingebaut, die wirklich zu unseren Prozessen passen, ohne überflüssige Menüs oder Schaltflächenflut. Jeder Kollege, auch Technik-Skeptiker, findet sich blind zurecht, was die tägliche Arbeit enorm erleichtert.

  3. Hohes Tempo: Bereits nach zwei Wochen konnten wir mit den ersten Funktionen live gehen – keine monatelange Wartezeit. Danach haben wir schrittweise ausgebaut, basierend auf realem Feedback. Die Einführung wurde dadurch zum Selbstläufer. Kollegen haben sich selbst schrittweise eingearbeitet und fordern heute sogar selbst Erweiterungen


Welche Prioritäten siehst Du für die weitere Digitalisierung in den nächsten Jahren?

Silvano Gauch: In der Verpackungsindustrie beobachten wir sinkende Auftragsgrößen. Um die Kosten je Neukunde, je Angebot, je Auftrag und je Produktionslauf stabil zu halten oder weiter zu senken, müssen weitere manuelle Prozessschritte vollständig automatisiert werden.

Unsere neue digitale Verkaufs- und Anfrage-plattform auf der Website (lxbxh.ch; Nutzer-oberfläche siehe Grafik) wird daher weiter an Bedeutung gewinnen. Wir haben kürzlich die 3. Generation davon live geschaltet und werden sie kontinuierlich optimieren. In der Fertigung treiben wir die Digitalisierung ebenfalls kontinuierlich voran. Konkrete Großprojekte für dieses Jahr habe ich jedoch noch nicht definiert, da wir die vergangenen zwei Jahre maßgebliche Schritte umgesetzt haben und diese konsolidieren wollen.

Grundsätzlich bleibt jedoch klar: Digitalisierung ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess mit dem Ziel, Effizienz, Qualität und Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu sichern.



Florian Mäurer: Wenn ich nach vorne schaue, steht bei uns ein entscheidender Scheidepunkt an: Entweder wir münzen unser praxiserprobtes Wissen, mit klaren Anforderungen aus der Praxis, in eine bewährte Standardsoftware um. Oder wir stellen unsere Eigenentwicklung auf breite Beine und machen daraus ein eigenes Produkt. So können wir den Nutzen unserer Lösungen auch anderen Firmen zur Verfügung stellen und gemeinsam durch mehr Ressourcen die Digitalisierung erfolgreich vorantreiben.

 

Unsere Branche braucht dringend eine moderne, einfache und anpassbare digitale Plattform mit offenen Schnittstellen, damit wir blitzschnell innovative Tools wie KI für smarte Vorhersagen oder Workflow-Automatisierung integrieren können. So sind wir gerüstet für das dynamische Geschäft der Zukunft und nutzen immer die passendsten Lösungen, ohne im klassischen ERP jahrelang auf Updates oder Anpassungen warten zu müssen.



Digitalisierung ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein

fortlaufender Prozess mit dem Ziel, Effizienz, Qualität und

Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft zu sichern.(Silvano Gauch)


Unser herzlicher Dank gilt an dieser Stelle beiden Interviewpartnern für das offene Gespräch und die wertvollen Einblicke in ihre Erfahrungen.

 

Abschließend betonen beide, dass Digitalisierung kein Wettbewerb im Verstecken von Lösungen ist bzw. sein soll. Sie lebt vom offenen Dialog! Vom Austausch profitieren immer beide Seiten. Wer vor ähnlichen Herausforderungen steht, neue Impulse sucht oder eigene Erfahrungen teilen möchte, ist herzlich eingeladen, sich an Philipp Blank (Head of Professionals Academy) zu wenden (pblank@professionals-academy.de), um den Kontakt mit Silvano oder Florian herzustellen. Oft entstehen aus genau solchen Begegnungen die besten Ideen und nicht selten sogar gemeinsame Projekte.

 


 
 
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